Schreibend verbinden

Der Rote Platz kurz vor dem Sonnenaufgang.

In Zagreb erzählte mir mal ein schreibender Journalist, das Beste an seinem Job sei, er brauche nur einen Stift und Papier. Eine Autorin, die ich sehr schätze, schrieb mal: Im Gegensatz zu Malern, Bildhauern oder anderen Künstlern, die mit Materialien arbeiteten, brauche sie nur etwas, womit und worauf sie schreiben könne. Schreibend die Welt zu erfassen und die Geschichten in ihr zu finden, ist ein Privileg. Man braucht wenig und kann doch viel ausrichten.

Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mir mal als Kind am Beispiel eines Hammers und eines Bleistiftes erklärte, dass der Bleistift mächtiger ist. „Und mehr Geld verdienst du damit auch“, sagte er. Das mit dem Geld ist so eine Sache …, aber ich verstehe, welche Macht in Worten steckt.

Auf einer langen Recherchereise duch Russland für eine neue Geschichte las ich ein Buch, das mich noch Monate lang beschäftigte. Es war in einem russischen Verlag erschienen und beschreibt populärwissenschaftlich, wie sich die russische Geschichtsschreibung entwickelt hatte. (Autor: Artjom Efimow; Titel: „Woher haben wir es? Versuche aus drei Jahrhunderten, Russland mit dem Verstand zu begreifen“) Und hier liegt schon das Problem: Eigentlich kann man von russischer Geschichtsschreibung nicht sprechen, denn die Geisteswissenschaften – und nicht nur die – waren in Russland lange westeuropäisch geprägt. Es gab einen regen Austausch zwischen den Denkern der Zarenzeit mit Kollegen in Westeuropa. Aber mit der Idee der Nation kam irgendwann das – naiv dämliche – Bedürfnis nach etwas Eigenem. Als ob Kulturen in einem sich nie ändernden Zustand vom Himmel fallen … Deutschland weiß zu gut, wohin diese Idee führen kann.

Gefährliche Tendenzen

Russland und Europa befinden sich gerade in einem Prozess, der mich besorgt. Nationalismus gehört zum guten Ton, nationalistische Tendenzen breiten sich aus. Ähnliches passiert in Teilen Europas. Konfrontationen nehmen wieder zu. Sie sind bisher vor allem verbal, aber in der Ukraine sehen wir auch, wohin das führen kann. Was dagegen hilft, ist das Gemeinsame. Und das Buch, was ich oben erwähne, zeigt auf eine sehr gute Weise, wie viel Gemeinsames es zwischen Ost und West gibt, wie es sich beeinflusst und einander damit in der Entwicklung hilft.

In der Frankfurter Rundschau habe ich das Buch von Efimow ausführlich vorgestellt. Hier ein kurzer Auszug, darunter der Link zum vollständigen Artikel:

„Es geht … um das Bild vom anderen; das Bild, das der Westen von Russland hat, das Bild, das Russland vom Westen hat, aber auch das Bild, das Russland von sich selbst hat. Kein Bild ist klar, es ändert sich durch den jeweiligen Zeitgeist. Und das Verdienst Efimows liegt darin, dass er herausarbeitet, wie stark die russische Staatsdoktrin seit den Zeiten von Peter des Großen (1672 – 1725) mit dem eigenen Bild ringt.“

Und hier der Link zum FR-Artikel, möge das Geschriebene wirken.

Hallo Leipzig

Ich war noch nie in Leipzig, und entsprechend war ich noch nie auf der Leipziger Buchmesse, die so anders sein soll als die Messe in Frankfurt. Dann schauen wir mal.

Ich darf in Leipzig am Stand des Größenwahn Verlages, bei der Industrie und Handelskammer (IHK) und auf dem Forum Literatur auf der Messe mein Buch vorstellen. Hier sind die Termine:

15.03., 16 Uhr – Größenwahn Verlag, Halle 4, d109

16.03., 19 Uhr – IHK, Goerdelerring 5, 04109 Leipzig

17.03., 10 Uhr – Forum Literatur, Halle 4, F100

17.03., 11.30 Uhr – Größenwahn Verlag, Halle 4, d109

Ich freue mich auf Fragen und Diskussionen und laufe auch nicht gleich weg, wenn jemand mich erst nach dem offiziellen Termin ansprechen möchte.

Eine russische Liebe

Lew und Swetlana (sitzend) und ihre Tochter Nastja. Im Vordergrund hat sich Primus eingeschmuggelt. Das Bild entstand im Dezember 2004 in der Wohnung der Familie in Moskau.

In Deutschland wäre sein Name Leo gewesen. In Russland hieß er Lew.

Lew war ein sehr außergewöhnlicher Mensch, ich habe ihn vor mehr als zehn Jahren für meine Magisterarbeit interviewt. Es ging dabei um Veränderungen von Erinnerungen und die Frage, ob Menschen sich schriftlich anders erinnern als mündlich. Seit unserer ersten Begegnung ließ mich dieser Mensch nicht mehr los.

Lew hat vier Jahre seines Lebens im Zweiten Weltkrieg in Nazi-Lagern verbracht, anschließend neun Jahr in einem Lager des sowjetischen Gulag-Systems. Im vergangenem Jahr (2017) bin ich in die Stadt gereist, die aus dem Lagerpunkt hervorgegangen ist: Petschora in der Republik Komi, Nordosten Russlands.

Für das Magazin FR7, das samstags immer in der Frankfurter Rundschau erscheint, habe ich darüber geschrieben. Ein Zitat aus dem Text (, den ich aus Urheberrechtsgründen hier nicht vollständig abbilden kann):

Eines der wenigen übrige gebliebenen Gebäude des Lagers in Petschora, Mai 2017.

Im März 1946 erreichte Lew dünn bekleidet das verschneite „Petschorlag“ (Abkürzung von Petschora-Lager), die Stadt gab es noch nicht. Viele, die hier damals ankamen, starben bald an unbehandelten Krankheiten, oder erfroren. Lew wäre es beinahe so ergangen. „Ich musste aus dem Fluss Baumstämme holen“, hatte er erzählt. Er war klein von Wuchs und schmächtig. Er stand im eiskalten Wasser und spürte, dass er das nicht lange überleben würde. „Ich habe dem Lagerleiter gesagt, dass ich Physiker bin, dass ich im Elektrizitätswerk mehr leisten könnte.“ Er durfte wechseln. „Ich hatte Glück.“
„Glück“ hatte er auch, als seine Briefe aus dem Lager ihren Weg zu Swetlana in Moskau fanden. „Glück“ hatte er auch, als sie ihn das erste Mal besuchte. Illegal. Ein ehemaliger Häftling, der als Arbeiter außerhalb des Lagers lebte und Zugang zum Gelände hatte, schmuggelte Swetlana mit abenteuerlichen Erklärungen für die Wachen hinein. Was Lew als Glück bezeichnete, setzte sich fort, bis er seine Strafe absaß, dann illegal in Moskau lebte und schließlich nach Stalins Tod rehabilitiert wurde.

Lange habe ich Lews Worte nicht hinterfragt. Aber hier in Petschora zweifele ich an seinem „Glück“.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt mich immer wieder die Frage, wie Menschen solch traumatisierenden Phasen im Leben durchstehen und wie sie es schaffen, anschließend ein sinnvolles Leben zu führen, Kinder zu erziehen und das Leben zu genießen. Diese Widerstandsfähigkeit – wie entwickelt sie sich? Was ist ihre Basis?

Lew und seine Frau Swetlana haben sich Briefe geschrieben, als Lew im Petschorlag im Norden Russlands war. Der britische Historiker Orlando Figes hat einen Teil der Briefe herausgegeben, in Deutschland sind sie unter dem Titel „Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne“ erschienen. Ich habe sie noch nicht gelesen. Vielleicht aber finden sich in ihnen Antworten auf meine Fragen …

Beschlagnahmte Bücher von Gefangenen, sie werden heute im städtischen Museum von Petschora aufbewahrt. Bild vom Mai 2017.

Am Ende des Textes wird es fröhlicher

Bild aus der Ausstellung „Die Energie eines Traumes“ im historischen Museum in Moskau.

Ich habe innerhalb weniger Tage einige Menschen getroffen, die aus voller Überzeugung Propaganda betreiben, die lügen oder schlicht auf plumpe Art fremdenfeindlich sind. Das auszuhalten half mir ein kleiner Junge namens Linus, Held der Peanuts, dem der Autor Charles M. Schulz die weisen Worte in die Sprechblase legte: „I love mankind … It’s people I can’t stand.“

Vergangene Woche war ich mit einer Gruppe deutscher und polnischer Journalistinnen und Journalisten in Moskau. Die Recherchereise beschäftigte sich mit 100-Jahre-Oktoberrevolution, ihren Auswirkungen und der Frage nach revolutionärem Potenzial im heutigen Russland.

Schon der Titel der offiziellen Ausstellung im historischen Museum am Roten Platz zeugt von einem sehr wohlwollenden Blick auf das damalige Ereignis: „Die Energie eines Traumes“ (Енергия мечты). In der Ausstellung – nicht zu groß, nicht zu differenziert – wird nur am Rande auf die repressiven Folgen der Machtübernahme durch die Bolschewiki eingegangen. Darauf angesprochen sagte die Museumsführerin: Es sei wichtig, Repressionen und den Großen Terror der 30er Jahre aufzuarbeiten, aber die Ausstellung selbst widmet sich ja nur dem Moment der Revolution.

Insgesamt verdrängt der russische Staat das Thema. Die Herren im Kreml, Urenkel der Revolution, fürchten nichts so sehr wie revolutionäres, also regimekritisches Denken.

Der Kreml und die Basilius-Kathedrale beim Sonnenaufgang.

Wir trafen auch den Vorsitzenden der russischen kommunistischen Jugendorganisation  Komsomol. Für den Mann, der jünger als 40 ist, war das Ender Sowjetunion eine Konterrevolution. Die Art, wie er sprach, erinnerte mich an die Sprache alter Kommunisten. Dieser junge Mensch sprach von „richtiger“ Oppositionsarbeit, er beschrieb den Terror mit Millionen Toten unter Stalin als etwas Abstraktes, etwas Mystisches, das „hochgespült“ wurde, das quasi wie eine Flut über das Land hereinbrach. In diesem Denken feht der Mensch als Verursacher und Verantwortlicher  … So lässt ich vieles rechtfertigen.

Nicht weniger verzerrend war die Darstellung des ukrainisch-russischen Konflikts einer jungen Duma-Abgeordneten der Putin-Partei Einiges Russland. Nein, in der Ukraine gebe es keine russischen Soldaten …

Zurück in Deutschland hatte ich auf einer Versammlung in einem Sportclub „Asylanten“-Witze gehört und dumme Geschichten über „Pollacken“. In meinem Kopf mischen sich diese Begegnungen und Erfahrungen von weniger als einer Woche zu einem etwas deprimierenden Bild. Am leichtesten ist für viele Menschen das Leben in der eigenen Realität. Ob sie die Wirklichkeit angemessen abbildet, das ist für viele unwichtig. Es ist zu anstrengend, sich und die eigenen Vorurteile (,die ich auch habe,) zu hinterfragen.

Am 25. November können wir übrigens gern über das Thema Vorurteile, über Fremdheitserfahrungen und auch über Russland sprechen. Ich lese aus meinem Buch in Frankfurt im Café L’Atelier des Tartes, Kleine Brückenstraße 3, ab 19 Uhr. Es wird dazu Quiche und Wein und frisch aus Russland mitgebrachten Vodka geben 😉 Wir vereinigen sozusagen Ost- und Westeuropa in einer kleinen Frankfurter Gasse.

Wollt Ihr das verpassen?

 

 

Buchmesse, Open Books und höchst politische Fragen

Buchmesse, Spiel mit einem Prisma für Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Wetter ist Mist“, sagt Katharina.

Am Oktoberhimmel über Frankfurt ist kein Wölkchen zu sehen. Die Augen schmerzen, wenn ich hochblicke, die Sonnenstrahlen werfen harte Schatten in der neuen, alten, wiederaufgebauten Altstadt. An den Tischen des Cafés am Kunstverein am Römer ist kein Platz mehr frei. In wenigen Minuten soll ich eine Etage höher bei Open Books mein Buch vorstellen, Katharina Sperber moderiert, sie sagt: „Das Wetter ist zu gut. Die sitzen alle am Main.“

Doch dann kommen sie. Von den 70 Stühlen, die aufgestellt sind, ist mehr als die Hälfte besetzt. Drei Mal schon hatte ich zuvor auf der Buchmesse Frankfurt meinen Roman vorgestellt, am Stand des Größenwahn Verlages und am Stand der Frankfurter Rundschau, und jedes Mal lernte ich neue Menschen kennen, von denen ich Dinge erfuhr, die ich nicht wusste: dass zum Beispiel in der Deutschen Nationalbibliothek die Beschäftigten Verlage nach Buchstaben betreuen (also jemand, der für „G“ zuständig ist, sich um Bücher des Größenwahn Verlags kümmert); dass es in Detmold ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte gibt.

Oder Zuhörerinnen und Zuhörer sprachen mich auf ihre Erfahrungen und Beziehungen mit Russlanddeutschen an. Eine Frau am FR-Stand auf der Buchmesse sagte, ihre Patenkinder stammten aus Russland, ihnen wolle sie das Buch schenken; ein Mann, der im Kunstverein zuhörte, fragte nach der Lesung, warum seine Bekannten, Russlanddeutsche, auf Angela Merkel schimpfen würden – ein Thema, das vor der Bundestagswahl in vielen Medien behandelt wurde.

Lesung bei Open Books, Katharina Sperber moderiert. Bild: M. Sander, Kulturamt Frankfurt

Einmal mehr überrascht es mich, welche Fragen das Buch auslöst. Eine Zuhörerin bei Open Books fragte, wie man (also die deutsche Gesellschaft) mit neuen Zuwanderern umgehen solle. Einerseits ist der Frau natürlich klar, dass es keine pauschalen Ratschläge gibt, andererseits lohnt es sich, darüber nachzudenken, was Deutschland tun kann, um den Neuankömmlingen Orientierung und Starthilfe in der Fremde zu geben.

Nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern aus vielen Gesprächen mit Kommillitonen oder einfach nur in Begegnungen, weiß ich, dass Menschen, die in autoritären Gesellschaften aufgewachsen sind, häufig Schwierigkeiten haben, selbstständig und selbstverantwortlich zu handeln. Autokraten und Diktatoren brauchen folgsame Untertanen. Entsprechend ist die Bildung und Erziehung in solchen Gesellschaften auf Gehorsam ausgelegt. Die Oberen, und seien es nur Eltern und Erzieher, infrage zu stellen, mit ihnen zu diskutieren – das widerspricht solchen Gesellschaftskulturen.

Die Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland kamen, stammen aus solchen Gesellschaften. Nun lautet die zentrale Frage: Wie helfen wir ihnen (und damit auch uns), sich hier zurechtzufinden und ermuntern sie zugleich, mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu wagen?

Die Antwort ist komplex, aber: Deutschland hat Erfahrung mit diesem Thema. Denn was 1989/1990 geschah, war nichts anderes, als dass sehr viele Menschen aus Ost-Deutschland quasi in eine neue, westliche, individualistische Gesellschaft kulturell einwanderten. Sie hatten auch keine Wahl. Vieles lief damals nicht gut. Es gab zu viel Arroganz im Westen (Systemsieger); und im Osten waren viele nach der ersten positiven Aufregung geschockt, denn was gestern noch als richtig galt, wurde heute für falsch erklärt. Gefühlschaos, Fremdheitserfahrungen im eigenen Betrieb, im eigenen Dorf, in der eigenen Stadt folgten. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird Mühe haben, das emotionale Drama nachzuvollziehen, das viele durchmachten.

Wiederholen wir die Fehler der 90er Jahre?

Nun sind schon 27 Jahre vergangen, aber angesichts der Wahlerfolge autoritäterer Rechter wie der AfD, müsste klar sein, dass diese Zeitspanne für einen Mentalitätswandel bei vielen nicht reicht. Ich habe nach der Niedersachsenwahl vor wenigen Tagen nachgeschaut, wie in dem Wolfsburger Stadtteil Westhagen die Ergebnisse ausfielen. Ich habe in diesem Stadtteil (Klein-Moskau) die ersten zweieinhalb Jahre in Deutschland verbracht. Hier lebten damals schon und leben heute immer noch sehr viele Spätaussiedler. Hier hat die AfD besonders viele Stimmen bekommen.

Wenn wir angesichts neuer Zuwanderer die alten Fehler nicht wiederholen wollen, brauchen wir staatlicherseits mehr Anstrengungen für aktive Integrationshilfe. Obwohl bei der jüngsten Zuwanderung seit 2015 vieles besser läuft als vor 27 Jahren, geschieht noch zu wenig. Was dieses Mal besser läuft, wird oft von vielen Ehrenamtlichen geleistet. Deren Deutschkurse, ihre Unterstützung bei Behördenkommunikation, ihre Erklärungen bei Arztbesuchen, Vermittlungen in Kindergärten und Nachhilfen für die Kinder – das ist unermesslich wertvoll. Und doch zu wenig.

Die Zuhörerin bei Open Books, die gefragt hatte, was wir tun können, um Neuankömmlingen zu helfen, hatte eine sehr berechtigte Frage.

Ich möchte hier ausdrücklich Katharina Sperber für ihre Moderation bei Open Books und der FR-Chefredakteurin Bascha Mika für die Vorstellung meines Romans am FR-Stand der Buchmesse danken. Ohne ihre Fragen wären die Lesungen nur halb so interessant ausgefallen. Herzlichen Dank.

Nebel am Main, Frankfurt.

Die Gedanken der Anderen

Mich überrascht die Bandbreite der Gedanken, die mein Buch bei Leserinnen und Lesern anscheinend auslöst. Eine Leserin erwähnte in einer E-Mail ihre hugenottischen Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert: „Die Ahnentafel ist von Flucht und Vertreibung geprägt. Die Wurzeln liegen bei den Hugenotten.“ Ein Freund, den ich schon viele Jahre nicht gesehen habe, sagte: „Dieses Thema mit den Rollen, wann und in welchen Situationen bin ich wer – das beschäftigt mich auch.“ Und eine Kollegin berichtete mir von ihrer Familie und deren Geschichte, die eines Tages hoffentlich in einem Buch nachzulesen sein wird.

Die nachkriegsvertriebenen Deutschen, fremdenfeindliche Aussiedler, oder einfach Interesse an Russland – darauf wurde ich angesprochen. Wie gesagt, die Vielfalt der Themen überrascht mich und es freut mich zugleich, dass die Geschichte von A., Marie und Mark bei den Leserinnen und Lesern Gefühle weckt und eine Verbindung zu deren eigenem Leben, zu der Geschichte der eigenen Familie entstehen lässt.

Eine erste Rezension kommt von Sascha Pommrenke auf seinem Blog: koreander.net Ein Zitat daraus: „Die Liebe zu Marie stellt A. auf eine harte Probe. Alles was bisher Gewiss war, wird plötzlich in Frage gestellt. Kann man sich als Migrant wirklich als Deutscher fühlen? Wieviel Erinnerung an die Heimat, wieviel Tradition darf man dann noch leben? In den Augen von Marie ist A.s Überangepasstheit geradezu ein Verrat an seine Herkunft. A. gerät in einen Strudel, ein Kampf mit sich selbst und mit Marie. Ein Kampf um Sinn, Liebe und Identität. Ein Kampf, den keiner gewinnen kann und den man dennoch kämpfen muss.“ Die gesamte Rezension und ein wunderbares Lied, das eingeklinkt wurde: hier.

Wenn alles gut geht, kann ich bald eine interessante Neuigkeit im Zusammenhang mit der Buchmesse in Frankfurt verkünden. Ich muss mich noch etwas gedulden, das kann ich am besten am Wasser.

 

Danke!

Am Ende der Lesung steht eine Frau auf und sagt: „Ich würde mir gern von einem in Deutschland geborenen schwarzen Menschen erklären lassen, warum es schlimm für manche ist, wenn man fragt, woher sie kommen.“ Stille im Publikum, es ist kein schwarzer Mensch da.

„Puh, ich bin’s zwar nicht, aber vielleicht kann ich’s ja versuchen“, sage ich. Etwa 70 Gäste sitzen bei der Premierelesung meines Romans im Wintergarten in der Varrentrappstraße 53 in Frankfurt, wo der Größenwahn Verlag beheimatet ist. Es gab Bienenstich zum Empfang und nach der Lesung internationales Essen und Wein. Die Fragen aus dem Publikum drehen sich um Kultur: „Was verstehen Sie darunter?“, Integration: „Es ist doch etwas, das nicht nur die Ankommenden betrifft?“, oder mit direktem Bezug zum Buch, das autobiografische Momente enthält: „War es tatsächlich so passiert?“ „Danke!“ weiterlesen

14. August, 20 Uhr

Ich lese oft vor. Meistens geht es um Piraten, Wale, die verschiedenen Abenteuer von Herrn Eichhorn (von Sebastian Meschenmoser), oder wenn der Tag ganz doof war, dann bringt „Der Gewitter-Ritter“ (von Kai Lüftner) beim Vorlesen doch noch gute Laune. Meistens bleibt das Publikum, mein Fünfjähriger, wach.
Zum ersten Mal nun werde ich am Montag, 14. August, aus meinem Roman vorlesen: im Größenwahn Verlag, um 20 Uhr in der Varrentrappstraße 53, Frankfurt.
Dass das tatsächlich bald soweit ist, kann ich selbst noch nicht richtig glauben. Das erste Wort des Buches habe ich … vor langer Zeit geschrieben. Ich habe es später entfernt, wie so viele andere Wörter auch.

Der Zufall wollte es, dass in den kritischen Momenten, wenn ich den Text aufgeben, das Manuskript vergessen oder es nicht erneut überarbeiten wollte, sich jemand fand, dem der Text gefallen hat, und der mich weiter zum Arbeiten antrieb.

Joanna. Ohne sie gebe es das Buch nicht.

Werner Neumann (verstorben). Er war einer der ersten Leser, der den Daumen gehoben und mich zum Weitermachen motiviert hat.

Andreas Möller (Autor). Er hat ohne meine Erlaubnis das Manuskript seiner Agentin gegeben, und zwar:

Susan Bindermann (verstorben). Mit dezenten Hinweisen brachte sie mich dazu, zwei Figuren aus dem Buch zu entfernen und es quasi zweimal neu zu schreiben. Später übergab sie die Betreuung des Textes an ihre Agenturkollegin:

Kristine Listau. Ihre Mühe lässt sich finanziell nicht ermessen, ich versuche es stattdessen mit Fotos und Vodka. Kristine hat mehrfach das immer wieder überarbeitete Manuskript gelesen, sie hat mir geholfen, die Stärken und Schwächen des Textes selbst zu erkennen, und schließlich fand sie den Verleger, der das Buch machen wollte:

Sewastos Sampsounis. Seiner Leidenschaft für Geschichten von und über Menschen, die so etwas wie eine Heimat suchen oder die Prägung unterschiedlicher Kulturen in sich tragen, verdanke ich nicht nur mein Buch, sondern auch Lesegenuss. In seinem Verlagsprogramm findet sich so manche Perle. Ein Buch, das mich sehr bewegt hat, ist „Die lügnerische Sonne der Kinder“ (von Elena Chouzouri). (Es handelt von den Folgen des griechischen Bürgerkrieges, den geflüchteten Kommunisten und ihren Kindern, die in der neuen Heimat nie die alte Heimat ihrer Eltern vergessen durften und schließlich selbst nicht mehr wussten, wohin sie gehören. Und es handelt von der jungen Generation, die aufgrund der aktuellen Krise wieder in die Welt hinauszieht.) Sewastos brachte mich mit meiner Lektorin zusammen:

Doris Engelke. Bevor wir uns das erste Mal trafen, konnte ich meiner beruflichen Neigung nicht widerstehen und recherchierte ein wenig über Doris. Eine Autorin beschrieb sie als eine sehr einfühlsame und vorsichtige Lektorin. Das kann ich bestätigen, und ergänze: und eine hartnäckige. Doris hat mit scheinbar einfachen Hinweisen viel bewegt. Manchmal sprachen wir gar nicht über den Text, und plötzlich sagte sie: „Warum erzählst Du das nicht im Buch?“ Oder: „Darüber will ich mehr wissen. Im Buch.“

All diesen Menschen danke ich vom ganzen Herzen für Ihr Vertrauen und ihre Unterstützung. Dass ich sie kennenlernen durfte, ist für mich persönlich der wichtigste Lohn all der Mühe an diesem Buch.