Am Ende des Textes wird es fröhlicher

Bild aus der Ausstellung „Die Energie eines Traumes“ im historischen Museum in Moskau.

Ich habe innerhalb weniger Tage einige Menschen getroffen, die aus voller Überzeugung Propaganda betreiben, die lügen oder schlicht auf plumpe Art fremdenfeindlich sind. Das auszuhalten half mir ein kleiner Junge namens Linus, Held der Peanuts, dem der Autor Charles M. Schulz die weisen Worte in die Sprechblase legte: „I love mankind … It’s people I can’t stand.“

Vergangene Woche war ich mit einer Gruppe deutscher und polnischer Journalistinnen und Journalisten in Moskau. Die Recherchereise beschäftigte sich mit 100-Jahre-Oktoberrevolution, ihren Auswirkungen und der Frage nach revolutionärem Potenzial im heutigen Russland.

Schon der Titel der offiziellen Ausstellung im historischen Museum am Roten Platz zeugt von einem sehr wohlwollenden Blick auf das damalige Ereignis: „Die Energie eines Traumes“ (Енергия мечты). In der Ausstellung – nicht zu groß, nicht zu differenziert – wird nur am Rande auf die repressiven Folgen der Machtübernahme durch die Bolschewiki eingegangen. Darauf angesprochen sagte die Museumsführerin: Es sei wichtig, Repressionen und den Großen Terror der 30er Jahre aufzuarbeiten, aber die Ausstellung selbst widmet sich ja nur dem Moment der Revolution.

Insgesamt verdrängt der russische Staat das Thema. Die Herren im Kreml, Urenkel der Revolution, fürchten nichts so sehr wie revolutionäres, also regimekritisches Denken.

Der Kreml und die Basilius-Kathedrale beim Sonnenaufgang.

Wir trafen auch den Vorsitzenden der russischen kommunistischen Jugendorganisation  Komsomol. Für den Mann, der jünger als 40 ist, war das Ender Sowjetunion eine Konterrevolution. Die Art, wie er sprach, erinnerte mich an die Sprache alter Kommunisten. Dieser junge Mensch sprach von „richtiger“ Oppositionsarbeit, er beschrieb den Terror mit Millionen Toten unter Stalin als etwas Abstraktes, etwas Mystisches, das „hochgespült“ wurde, das quasi wie eine Flut über das Land hereinbrach. In diesem Denken feht der Mensch als Verursacher und Verantwortlicher  … So lässt ich vieles rechtfertigen.

Nicht weniger verzerrend war die Darstellung des ukrainisch-russischen Konflikts einer jungen Duma-Abgeordneten der Putin-Partei Einiges Russland. Nein, in der Ukraine gebe es keine russischen Soldaten …

Zurück in Deutschland hatte ich auf einer Versammlung in einem Sportclub „Asylanten“-Witze gehört und dumme Geschichten über „Pollacken“. In meinem Kopf mischen sich diese Begegnungen und Erfahrungen von weniger als einer Woche zu einem etwas deprimierenden Bild. Am leichtesten ist für viele Menschen das Leben in der eigenen Realität. Ob sie die Wirklichkeit angemessen abbildet, das ist für viele unwichtig. Es ist zu anstrengend, sich und die eigenen Vorurteile (,die ich auch habe,) zu hinterfragen.

Am 25. November können wir übrigens gern über das Thema Vorurteile, über Fremdheitserfahrungen und auch über Russland sprechen. Ich lese aus meinem Buch in Frankfurt im Café L’Atelier des Tartes, Kleine Brückenstraße 3, ab 19 Uhr. Es wird dazu Quiche und Wein und frisch aus Russland mitgebrachten Vodka geben 😉 Wir vereinigen sozusagen Ost- und Westeuropa in einer kleinen Frankfurter Gasse.

Wollt Ihr das verpassen?

 

 

Die Gedanken der Anderen

Mich überrascht die Bandbreite der Gedanken, die mein Buch bei Leserinnen und Lesern anscheinend auslöst. Eine Leserin erwähnte in einer E-Mail ihre hugenottischen Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert: „Die Ahnentafel ist von Flucht und Vertreibung geprägt. Die Wurzeln liegen bei den Hugenotten.“ Ein Freund, den ich schon viele Jahre nicht gesehen habe, sagte: „Dieses Thema mit den Rollen, wann und in welchen Situationen bin ich wer – das beschäftigt mich auch.“ Und eine Kollegin berichtete mir von ihrer Familie und deren Geschichte, die eines Tages hoffentlich in einem Buch nachzulesen sein wird.

Die nachkriegsvertriebenen Deutschen, fremdenfeindliche Aussiedler, oder einfach Interesse an Russland – darauf wurde ich angesprochen. Wie gesagt, die Vielfalt der Themen überrascht mich und es freut mich zugleich, dass die Geschichte von A., Marie und Mark bei den Leserinnen und Lesern Gefühle weckt und eine Verbindung zu deren eigenem Leben, zu der Geschichte der eigenen Familie entstehen lässt.

Eine erste Rezension kommt von Sascha Pommrenke auf seinem Blog: koreander.net Ein Zitat daraus: „Die Liebe zu Marie stellt A. auf eine harte Probe. Alles was bisher Gewiss war, wird plötzlich in Frage gestellt. Kann man sich als Migrant wirklich als Deutscher fühlen? Wieviel Erinnerung an die Heimat, wieviel Tradition darf man dann noch leben? In den Augen von Marie ist A.s Überangepasstheit geradezu ein Verrat an seine Herkunft. A. gerät in einen Strudel, ein Kampf mit sich selbst und mit Marie. Ein Kampf um Sinn, Liebe und Identität. Ein Kampf, den keiner gewinnen kann und den man dennoch kämpfen muss.“ Die gesamte Rezension und ein wunderbares Lied, das eingeklinkt wurde: hier.

Wenn alles gut geht, kann ich bald eine interessante Neuigkeit im Zusammenhang mit der Buchmesse in Frankfurt verkünden. Ich muss mich noch etwas gedulden, das kann ich am besten am Wasser.

 

Danke!

Am Ende der Lesung steht eine Frau auf und sagt: „Ich würde mir gern von einem in Deutschland geborenen schwarzen Menschen erklären lassen, warum es schlimm für manche ist, wenn man fragt, woher sie kommen.“ Stille im Publikum, es ist kein schwarzer Mensch da.

„Puh, ich bin’s zwar nicht, aber vielleicht kann ich’s ja versuchen“, sage ich. Etwa 70 Gäste sitzen bei der Premierelesung meines Romans im Wintergarten in der Varrentrappstraße 53 in Frankfurt, wo der Größenwahn Verlag beheimatet ist. Es gab Bienenstich zum Empfang und nach der Lesung internationales Essen und Wein. Die Fragen aus dem Publikum drehen sich um Kultur: „Was verstehen Sie darunter?“, Integration: „Es ist doch etwas, das nicht nur die Ankommenden betrifft?“, oder mit direktem Bezug zum Buch, das autobiografische Momente enthält: „War es tatsächlich so passiert?“ Danke! weiterlesen