Vom Überleben

Lew und Swetlana. Stehend ihre Tochter Nastja und im Vordergrund Primus (auch er kommt in der Geschichte vor).

Wahrscheinlich haben wir eine falsche Vorstellung davon, wie und warum Menschen Repressionen, Gewalt und Folter überstehen. Das Hollywood-Bild von solchen Menschen zeigt meist harte Helden. Aber es spricht einiges dafür, dass Menschen – im besten Sinne – weich, fühlend und mitfühlend sein müssen, um brutalste Bedingungen einigermaßen gesund durchzuhalten. Arno Gruen schreibt in „Der Kampf um Demokratie“: „Auch DesPres‘ Studie über die Überlebenden der Todeslager zeigte, daß nur jene eine Überlebenschance hatten, die ihr Mitgefühl nie verloren.“ Als ich das las, machte es Klick und ich musste an Lew und Swetlana denken.

Wie überlebt ein Mensch all das, was die beiden überlebt haben, wie verarbeitet ein Mensch traumatische Erfahrungen? Ich habe diese Frage viele Jahre mit mir herumgetragen. An eine Antwort habe ich mich durch die wahre Geschichte von Lew und Swetlana angenähert, einem außergewöhnlichen Paar aus Moskau, das zwei Kriege, Repressionen, Verfolgungen und Demütigungen überstanden hat. Hier ist ein kurzer Auszug aus dem Manuskript für einen Roman und drunter im PDF eine längere Leseprobe.

Ein russisches Leben

Du bist das Wesentliche, ohne das alles Übrige, 
so wichtig es mir erscheinen mag,
solange Du da bist, seinen Sinn und seine Bedeutung verliert.


André Gorz, Brief an D.

Danach

Bevor er seine Jacke auszog, öffnete er den Brief, blickte darauf, riss ihn durch und warf ihn in die Ecke. Er ging in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Alexander List hat seit Tagen nicht geschlafen, seit Lew gestorben war. Nein, seit er verstanden hatte, dass Lew sterben könnte. Nein, seit er mit Lew von Moskau nach Petschora aufgebrochen war, also vor fast zehn Tagen, seitdem hat List nicht mehr richtig geschlafen.

„Kommen Sie unbedingt noch einmal, Sie müssen jemanden kennenlernen“, hatte Aljona Gustowa gesagt.

Nun wusste List, warum er so schnell hatte aufbrechen müssen. Die Wissenschaftlerin von Memorial hatte nicht übertrieben.

List rutschte vom Stuhl, fing sich, ging ins Wohnzimmer legte sich auf die Couch und schlief ein.

Tag eins

Am Montag, den 3. November, war List nach Moskau geflogen. Er checkte in einem Hotel an der Metro-Station Park Kultury ein und fuhr am Nachmittag zu Lew Mischenko. Von der Station Prospekt Wernadskogo ging er die verregnete Straße entlang zu einem Hochhaus und wählte an der Sprechanlage die Nummer der Wohnung. List hatte Lew Mischenko von
Deutschland aus und dann aus dem Hotel angerufen. „Neunter Stock“, hörte er eine Männerstimme, die Tür sprang auf.

Im Fahrstuhl roch es nach schwerem Parfüm, und als die Fahrstuhltür sich öffnete, empfing ihn der Geruch gebratenen Fleisches. Fünf Wohnungen befanden sich auf der Etage, keine Namen an den Klingeln. Als er an einer Tür das Drehen des Schlosses hörte, trat er heran und wich gleich wieder zurück, weil ein Hund bellte. Seit er als Kind gebissen worden war, raste bei jedem Bellen sein Herz.

 „Primus, lass ab“, sagte der Mann an der Tür.
„Guten Abend, Sie müssen Alexander sein. Kommen Sie herein. Und du, Primus lass ab, fort mit dir“, wiederholte der Mann und schaute auf den Hund.

Lew Mischenko war eineinhalb Köpfe kleiner als List, kahl. Seine Hand versank in Lists Hand, sein Hemd bauschte sich bei jeder Bewegung und verriet, dass der Körper darunter schmächtig war.

List zog die Schuhe aus, betrat die Wohnung und wunderte sich einmal mehr, wie wenig er von diesem Land und seinen Menschen verstand. Alle Begegnungen mit ehemaligen Gulag-Häftlingen waren voller Überraschungen. Nichts von seinen Erwartungen hatte bisher zugetroffen. Katja Iwanowa zum Beispiel. Sie lebte in einem Hochhaus im Norden Moskaus, an einem Birkenpark. Das Haus aus den letzten Tagen der Sowjetunion sah aus wie eine riesige Schachtel mit quadratischen Fenstern, gleich großen Wohnungen, gebaut für Menschen, die gleich erzogen worden waren, gleich viel verdienten und in denselben Geschäften einkauften. Und dann Iwanowa. Hinter ihrer Wohnungstür fand List sich in einer Galerie wieder. Unzählige Bilder bedeckten alle Wände. Sie verwandelten die Wohnung in eine eigene Welt, gaben ihrer Bewohnerin Individualität und Freiheit, wie sie sie draußen, in diesem unermesslich weiten Land, ihr Leben lang nicht fand.

Leseprobe zu „Ein russisches Leben“: