Buchmesse, Open Books und höchst politische Fragen

Buchmesse, Spiel mit einem Prisma für Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Wetter ist Mist“, sagt Katharina.

Am Oktoberhimmel über Frankfurt ist kein Wölkchen zu sehen. Die Augen schmerzen, wenn ich hochblicke, die Sonnenstrahlen werfen harte Schatten in der neuen, alten, wiederaufgebauten Altstadt. An den Tischen des Cafés am Kunstverein am Römer ist kein Platz mehr frei. In wenigen Minuten soll ich eine Etage höher bei Open Books mein Buch vorstellen, Katharina Sperber moderiert, sie sagt: „Das Wetter ist zu gut. Die sitzen alle am Main.“

Doch dann kommen sie. Von den 70 Stühlen, die aufgestellt sind, ist mehr als die Hälfte besetzt. Drei Mal schon hatte ich zuvor auf der Buchmesse Frankfurt meinen Roman vorgestellt, am Stand des Größenwahn Verlages und am Stand der Frankfurter Rundschau, und jedes Mal lernte ich neue Menschen kennen, von denen ich Dinge erfuhr, die ich nicht wusste: dass zum Beispiel in der Deutschen Nationalbibliothek die Beschäftigten Verlage nach Buchstaben betreuen (also jemand, der für „G“ zuständig ist, sich um Bücher des Größenwahn Verlags kümmert); dass es in Detmold ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte gibt.

Oder Zuhörerinnen und Zuhörer sprachen mich auf ihre Erfahrungen und Beziehungen mit Russlanddeutschen an. Eine Frau am FR-Stand auf der Buchmesse sagte, ihre Patenkinder stammten aus Russland, ihnen wolle sie das Buch schenken; ein Mann, der im Kunstverein zuhörte, fragte nach der Lesung, warum seine Bekannten, Russlanddeutsche, auf Angela Merkel schimpfen würden – ein Thema, das vor der Bundestagswahl in vielen Medien behandelt wurde.

Lesung bei Open Books, Katharina Sperber moderiert. Bild: M. Sander, Kulturamt Frankfurt

Einmal mehr überrascht es mich, welche Fragen das Buch auslöst. Eine Zuhörerin bei Open Books fragte, wie man (also die deutsche Gesellschaft) mit neuen Zuwanderern umgehen solle. Einerseits ist der Frau natürlich klar, dass es keine pauschalen Ratschläge gibt, andererseits lohnt es sich, darüber nachzudenken, was Deutschland tun kann, um den Neuankömmlingen Orientierung und Starthilfe in der Fremde zu geben.

Nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern aus vielen Gesprächen mit Kommillitonen oder einfach nur in Begegnungen, weiß ich, dass Menschen, die in autoritären Gesellschaften aufgewachsen sind, häufig Schwierigkeiten haben, selbstständig und selbstverantwortlich zu handeln. Autokraten und Diktatoren brauchen folgsame Untertanen. Entsprechend ist die Bildung und Erziehung in solchen Gesellschaften auf Gehorsam ausgelegt. Die Oberen, und seien es nur Eltern und Erzieher, infrage zu stellen, mit ihnen zu diskutieren – das widerspricht solchen Gesellschaftskulturen.

Die Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland kamen, stammen aus solchen Gesellschaften. Nun lautet die zentrale Frage: Wie helfen wir ihnen (und damit auch uns), sich hier zurechtzufinden und ermuntern sie zugleich, mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu wagen?

Die Antwort ist komplex, aber: Deutschland hat Erfahrung mit diesem Thema. Denn was 1989/1990 geschah, war nichts anderes, als dass sehr viele Menschen aus Ost-Deutschland quasi in eine neue, westliche, individualistische Gesellschaft kulturell einwanderten. Sie hatten auch keine Wahl. Vieles lief damals nicht gut. Es gab zu viel Arroganz im Westen (Systemsieger); und im Osten waren viele nach der ersten positiven Aufregung geschockt, denn was gestern noch als richtig galt, wurde heute für falsch erklärt. Gefühlschaos, Fremdheitserfahrungen im eigenen Betrieb, im eigenen Dorf, in der eigenen Stadt folgten. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird Mühe haben, das emotionale Drama nachzuvollziehen, das viele durchmachten.

Wiederholen wir die Fehler der 90er Jahre?

Nun sind schon 27 Jahre vergangen, aber angesichts der Wahlerfolge autoritäterer Rechter wie der AfD, müsste klar sein, dass diese Zeitspanne für einen Mentalitätswandel bei vielen nicht reicht. Ich habe nach der Niedersachsenwahl vor wenigen Tagen nachgeschaut, wie in dem Wolfsburger Stadtteil Westhagen die Ergebnisse ausfielen. Ich habe in diesem Stadtteil (Klein-Moskau) die ersten zweieinhalb Jahre in Deutschland verbracht. Hier lebten damals schon und leben heute immer noch sehr viele Spätaussiedler. Hier hat die AfD besonders viele Stimmen bekommen.

Wenn wir angesichts neuer Zuwanderer die alten Fehler nicht wiederholen wollen, brauchen wir staatlicherseits mehr Anstrengungen für aktive Integrationshilfe. Obwohl bei der jüngsten Zuwanderung seit 2015 vieles besser läuft als vor 27 Jahren, geschieht noch zu wenig. Was dieses Mal besser läuft, wird oft von vielen Ehrenamtlichen geleistet. Deren Deutschkurse, ihre Unterstützung bei Behördenkommunikation, ihre Erklärungen bei Arztbesuchen, Vermittlungen in Kindergärten und Nachhilfen für die Kinder – das ist unermesslich wertvoll. Und doch zu wenig.

Die Zuhörerin bei Open Books, die gefragt hatte, was wir tun können, um Neuankömmlingen zu helfen, hatte eine sehr berechtigte Frage.

Ich möchte hier ausdrücklich Katharina Sperber für ihre Moderation bei Open Books und der FR-Chefredakteurin Bascha Mika für die Vorstellung meines Romans am FR-Stand der Buchmesse danken. Ohne ihre Fragen wären die Lesungen nur halb so interessant ausgefallen. Herzlichen Dank.

Nebel am Main, Frankfurt.

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